Während weite Teile der Bauwirtschaft unter schwacher Nachfrage und einem eingebrochenen Neubau leiden, behauptet sich das Dachdeckerhandwerk vergleichsweise gut. Die Branche erwirtschaftete 2025 einen Umsatz von rund 13,5 Milliarden Euro und hielt damit das Niveau des Vorjahres. Bemerkenswerter als die Umsatzentwicklung ist jedoch der Blick auf den Nachwuchs: Die Zahl der Ausbildungsverhältnisse stieg auf den höchsten Stand seit mehr als zwei Jahrzehnten.
Damit entwickelt sich ausgerechnet in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ein Bereich positiv, der für das Handwerk seit Jahren zu den größten Herausforderungen zählt – die Gewinnung zukünftiger Fachkräfte.
Mehr Nachwuchs trotz weniger Beschäftigten
Ende 2025 waren 15.241 Dachdeckerbetriebe in der tariflichen Sozialkasse registriert. Die Struktur der Branche ist ausgesprochen mittelständisch: Rund 78 Prozent der Unternehmen beschäftigen weniger als zehn Personen.
Die schwächere Baukonjunktur hinterlässt dennoch Spuren. Die Zahl der gewerblichen Arbeitnehmer ging um ein Prozent auf 61.723 zurück. Parallel dazu erreichte die Ausbildung jedoch den höchsten Stand seit 2003. Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung bei den Berufseinsteigern: Im ersten Ausbildungsjahr wurden 10,8 Prozent mehr Auszubildende gezählt.
Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil ein Ausbildungsplatz für einen Betrieb zunächst Aufwand und Kosten bedeutet. Die zusätzlichen Fachkräfte stehen schließlich erst nach erfolgreichem Abschluss vollständig zur Verfügung. Die hohe Ausbildungsbereitschaft deutet deshalb darauf hin, dass zahlreiche Unternehmen langfristig mit einem entsprechenden Personalbedarf rechnen.
Insolvenzen bleiben vergleichsweise selten
Auch die Zahl der Unternehmensinsolvenzen spricht bislang nicht für eine flächendeckende Krise im Dachdeckerhandwerk. Im vergangenen Jahr wurden 105 Insolvenzeröffnungen registriert. Gemessen an der Gesamtzahl der Betriebe entspricht das einer Quote von etwa 0,7 Prozent.
Eine mögliche Stärke liegt dabei in der Betriebsstruktur. Kleine Handwerksunternehmen können ihre Kapazitäten teilweise schneller an veränderte Marktbedingungen anpassen als größere Organisationen mit hohen Fixkosten.
Hinzu kommt, dass Dachdecker nicht ausschließlich vom Neubau abhängig sind. Dächer müssen unabhängig von der allgemeinen Baukonjunktur gewartet, repariert und nach einigen Jahrzehnten grundlegend erneuert werden.
Sanierung verändert den Auftragsmarkt
Gerade dieser Bestandsmarkt gewinnt derzeit an Bedeutung. Während weniger neue Wohngebäude entstehen, bleibt der Sanierungsbedarf bei Millionen vorhandener Immobilien bestehen. Energetische Modernisierungen können zusätzliche Arbeiten auslösen, beispielsweise bei Dämmung, Abdichtung oder Neueindeckung.
Auch die Photovoltaik verändert das Tätigkeitsfeld. Solaranlagen auf Dächern erfordern geeignete Befestigungssysteme und häufig vorbereitende Arbeiten an der Dachkonstruktion. Damit entstehen Schnittstellen zwischen klassischem Dachdeckerhandwerk und Energietechnik.
Die Branchenstatistik unterscheidet allerdings nicht vollständig zwischen Neubau, Sanierung und zusätzlichen Tätigkeitsfeldern. Aus dem stabilen Gesamtumsatz lässt sich deshalb nicht unmittelbar ablesen, welche Bereiche derzeit besonders stark tragen.
Ausbildung wird zur Investition in den nächsten Aufschwung
Der Ausbildungsrekord ist vor allem mit Blick auf die kommenden Jahre relevant. Altersbedingte Abgänge und der bestehende Fachkräftebedarf werden nicht verschwinden, nur weil die Baukonjunktur momentan schwächelt. Gleichzeitig könnte eine spätere Erholung die Nachfrage nach qualifizierten Beschäftigten schnell wieder erhöhen.
Indem Betriebe gerade jetzt verstärkt ausbilden, schaffen sie sich dafür eine wichtige Grundlage. Ob daraus tatsächlich eine dauerhafte Trendwende beim Nachwuchs entsteht, werden die kommenden Ausbildungsjahrgänge zeigen. Für den Moment liefert das Dachdeckerhandwerk jedoch ein seltenes positives Signal aus einer ansonsten weiterhin angespannten Bauwirtschaft.









